Polo und Vorurteile

Poshes Picknick

Eins der Dinge, die wir uns nicht nur für diesen Blog vorgenommen haben ist es, öfter mal die eigenen Vorurteile auf den Kopf zu stellen und uns auch mal Sachen anzuschauen, wo die meisten von Euch erst denken “Echt jetzt, macht das denn Spaß”. Nachdem wir uns schon beim Bikepolo umgesehen haben und von dieser super-dynamischen Sportart begeistert waren, dachten wir uns, es sei an der Zeit sich mal das Echte anzuschauen, so mit Pferden und so.

Polo auf dem MaifeldAnfang August fand auf dem Maifeld vor dem Berliner Olympiastadion der Engel & Völkers Cup statt. Da zwar die VIP-Karten knapp unter 200 € kosteten, der Plebs aber kostenlos Zugang bekam (ein bisschen Pöbel brauchts einfach beim Sport – selbst beim Polo) dachten wir uns, das sei eine gute Gelegenheit sich mal in den tiefsten Westen der Stadt aufzumachen. Immer an der Spree lang bis es nicht mehr weitergeht und dann kurz links, noch zwei Mal verfahren und wir sind da. Zeit für die jährliche Currywurst noch vor dem Stadion – am Ende gibts beim Polo nur Kaviar-Canapees und Champagner.

Polo auf dem MaifeldRüber zum Maifeld fällt am Eingang des Reiterstadions erst mal die Konzentration an Luxuskarossen auf, auf dem VIP-Parkplatz stehen entspannt Bentleys und Porsches für ein paar Millionen Euro rum. Erstes Vorurteil also bestätigt, wo Polo ist, ist auch Kohle, schließlich ist das kein ganz billiger Sport. Jeder Reiter reist mit mindesten 2-3 Pferden, zumal es komplizierte Regeln dazu gibt, wie oft und wie lange die geliebten Vierbeiner eingesetzt werden dürfen. Beim Gang durch die imposante Eingangshalle kommen ungefragt aber erwartbar Assoiziationen ans Dritte Reich hoch, zumal in einem kleinen Seitengewölbe ein Film über die Olympischen Spiele 1936 läuft. Das steinerne Gewölbe spuckt uns wieder ins Tageslicht – und eine der unverschämtesten Werbeveranstaltungen für Luxusautomobile und Immobillien; Jaguar rechts, Range Rover links und 4 Mio. Barbourjacken dazwischen.

Polo auf dem MaifeldDie Gastro hingegen war nah dran an jedem beliebigen Dorffest mit 1-2 höherwertigen Angeboten, zumindest in dem Bereich der uns Plebejern zugänglich war. Geschenkt – wir sind schließlich wegen des Sports da und nicht zum Leutekino! Zielstrebig bewegen wir uns in Richtung des bierbankumstandenen Spielfelds (das bestimmt einen ganz speziellen englischen Namen, irgendwas mit ….”ground” oder “field” möchte ich wetten. Überhaupt England, neben dem Verkauf von Immobilien und Autos scheint die Förderung der vermeintlichen Lebensart des britischen Landadels der eigentliche Zweck der Veranstaltung zu sein. Der MC bemüht sich im besten BBC-Duktus den Massen einzuheizen, was besonders komisch ist, wenn Mannschaftsnamen wie “Ick koof bei Lehmann” zu nennen sind.

Polo auf dem MaifeldEine der Bierbänke hat tatsächlich am Rande noch Platz. “Entschuldigung, dürften wir uns vielleicht zu Ihnen setzen”, frage ich eine mittelalte blondierte Reiterweste, die bereits am Tisch sitzt. Der blondierte Inhalt der Weste hebt kurz den Blick und versucht noch schnell den Ausdruck klassenbewussten Entsetzens von Ihrem Gesicht fernzuhalten und dann…. Nichts, gar nichtS. Nachdem ich die selbe Frage in vier weiteren Sprachen gestellt hatte, ist mir klar; Die mag uns wirklich nicht. Eine nahezu unwiderstehliche Einladung, die wir gerne annehmen. In der folgenden Viertelstunde haben Thore und Uta ziemliche Mühe die Fassung zu bewahren und nicht schallend loszulachen, während der Abscheu der Weste immer deutlicher zu Tage tritt und aus anfangs verstohlenen Blicken aus dem Augenwinkel offenes Starren wird. Ihre Lippen pressen sich immer blutleerer aufeinander, bis wir die Dame schließlich erlösen, uns endlich was zu Trinken besorgen und uns doch lieber auf den Rasen setzen.

Polo auf dem MaifeldBeim Einlauf der Athleten fährt natürlich ein Auto vorweg, aber das finden wir zu diesem Zeitpunkt schon ganz normal. Was dann kommt – das Spiel, ist eher langweilig; Ein Riesenfeld, die Action immer am anderen Ende und Regeln die so kompliziert sind, dass Sie sich vom reinen Zuschauen erst nach jahrelangem Studium erschließen. Wirklich bemerkenswert wie ein Sport der auf Bildern derart dynamisch aussieht, vor Ort so wenig Zauber für den interessierten Laien entfaltet. Zugegeben das Zusammenspiel von Roß und Reiter ist auch für uns beeindruckend aber echte Spannung kommt einfach nicht auf, da wir die Feinheiten reiterischen Könnens gar nicht zu schätzen wissen – und das Spiel selbst einfach stinklangweilig ist. Weil wir aber an zweite Chancen glauben, beschließen wir im nächsten Jahr mit mehr Leuten, ein paar Vuvuzelas, Schnaps und Transparenten wieder zu kommen. Bis dahin bleiben wir beim Bike-Polo.

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