Sächsische Schweiz

Von Felsen und Festungen

Obwohl wir uns schon seit dem Aussterben der Dinosaurier kennen, hatte ich es bislang nicht geschafft eine der zahlreichen Einladungen in das Ferien-Refugium der Familie meines Freundes J. in der Sächsischen Schweiz anzunehmen. Alle nennen den Ort Schweizermühle, was eigentlich bloß der Name der nächstgelegenen Bushaltestelle ist. In Wahrheit müsste es Ottomühle heißen. Eine Straße, die irgendwann von Asphalt zu Schotter wechselt und schließlich nach wenigen Kilometern nach Tschechien führt. Parallel zur Straße schlängelt sich die Biela durch das enge Tal, vorbei an vielleicht zwei Dutzend Häusern, die jetzt im Winter fast ausgestorben wirken.

Blick von einer Zinne in das enge Bielatal.

Blick von einer Zinne in das enge Bielatal.

Unser Domizil ist das erste/letzte im Ort und tatsächlich das Wohnhaus des ehemaligen Müllers. Unsere Wohnung unterm Dach ist definitiv nicht für große Menschen gemacht, ungefähr 600 Mal pro Tag stoße ich mir den Kopf an einem der jahrhundertealten Balken; wenn der Wind bläst, knarzt und ächzt es romantisch, im Weg zum Haus sind drei alte Mühlsteine eingelegt und eine kleine Brücke führt über die Biela die wenig mehr als ein rasch fließender Bach ist. Kein Handy-Empfang, kein Internet, der nächste Mini-Supermarkt – mit sehr eingeschränkten Öffnungszeiten – 10 Autominuten weg, das nächste wirklich freundliche Personal vermutlich mehrere Stunden und alle sprechen mit diesem unappetitlichen Akzent, den man als Berliner sonst nur noch in irgendwelchen bekloppten Ossi-Wessi-Komödien hört – perfekt um dem Sylvester-Trubel in Berlin zu entkommen.

Felsnadel im Tal der Biela kurz vor tschechischen Grenze in der sächsischen Schweiz

Felsnadel im Tal der Biela kurz vor tschechischen Grenze in der sächsischen Schweiz

Da es jahreszeitentypisch früh dunkel wird und wir so was von faul und verschlafen sind und wir dementsprechend spät aus dem Haus kommen, sind unsere Ausflüge eher kurz. Wir folgen der Biela bis zum Zusammenfluss mit der Elbe, unweit von Königstein. Zum Ort Königstein gehört die bedeutendste Festung Sachsens. 800 Jahre alt, auf und in einen der typischen Tafelberge des Elbsandsteingebirges gebaut, ist das Monstrum bis heute eine der größten Bergfestungen Europas. Wegen schlechter Sicht ist die Burg von unten kaum auszumachen, wir stiefeln die letzten 50 Höhenmeter vom Parkplatz aus durch den Wald, als wir plötzlich vor einer 40m hohen Wand stehen. Fast organisch erheben sich die von Menschen geformten Mauern über dem lebendigen Fels. Mein Kopf ist  zum Bersten mit irrelevanten popkulturellen Bezügen vollgestopft und natürlich fange ich sofort an, fantastische Geschichten zu spinnen, von heldenhaften Belagerungen, Schätzen und Geheimnissen. Das Bezahlen des Eintrittsgeldes (8 € und jeden Cent wert) und die Übergabe des Audioguides holen mich zumindest vorübergehend auf den prosaischen Boden der Tatsachen zurück und wir beginnen unseren Rundgang über das knapp 10 ha große Gelände.

koenigsstein-fortress-saxony-4310

Schnell wird uns klar, dass die von uns angedachten zwei Stunden zur Besichtigung nicht einmal annähernd ausreichen werden. Fast 50 Gebäude sind erhalten, Brunnen, Waffenkammern, Laufgänge, Teehäuser. Mehrere Ausstellungen informieren über das Leben in der Festung, die immer wieder auch als Jagd- und Lustschloß des sächsischen Könige diente, und Ihrer historischen bzw. militärischen Bedeutung. Letztere ist übrigens eher eingeschränkt; zwar hat niemand die Festung erobert, aber es hat auch niemand ernsthaft versucht. Allenfalls als sicherer Rückzugsort in Krisenzeiten hat die Festung eine Rolle gespielt, wobei auch das nicht die reine Freude war. Ebenso schwer wie es einem Gegener gefallen wäre Königstein einzunehmen, so schwer war es für die Belagerten auszubrechen. So musste Friedrich August II. von Sachsen tatenlos zusehen, wie seine Armee just auf der anderen Elbeseite zu Füßen des Liliensteins vor den preußischen Truppen des Alten Fritz kapitulierte und dabei angeblich auch noch den sächsischen Staatsschatz verloren. Museumspädagogisch zählt Königstein mit zum Besten was ich seit Jahren gesehen habe. Sinnvolle und unterhaltsame Digital-Installationen ergänzen sich mit rekonstruierten Räumen und liebevoll gestalteten Dioramen. Als besonderen Clou gibt es für Kids die Möglichkeit sich für die Dauer des Besuchs als Hofdame oder Edelmann zu kostümieren.

Der Blick über das Elbtal von der Festung Königstein aus. Gegenüber liegen die sog. Liliensteine einer der für die Sächsische Schweiz so typischen Tafelberge.

Der Blick über das Elbtal von der Festung Königstein aus. Gegenüber liegen die sog. Liliensteine einer der für die Sächsische Schweiz so typischen Tafelberge.

Der Blick von den Zinnen der Burg über das Elbtal mit seinen wunderschönen Felsformationen ist majestätisch. Träge weht Nebel über den Fluß und die Wälder und nur die Geräusche der nahen Bundesstraße trüben die Illusion der Weltentrückung, die sich unweigerlich einstellt angesichts dieses ganz und gar unwahrscheinlichen Bauwerks.

Die Säulen des Herkules in der sächsischen Schweiz.

Die Säulen des Herkules in der sächsischen Schweiz.

Quasi direkt hinter unserem Haus beginnt ein Wanderweg der uns zu den “Säulen des Herkules” führen soll. Das scheint uns ein geeignetes Ziel für unseren nächsten Ausflug zu sein. Belohnt werden wir mit stundenlangem Staunen in einer Märchenwelt aus Stein, Himmel und Bäumen. Immer wieder halten wir inne, um uns gegenseitig Gesichter zu zeigen, die wir in den Steinen zu erkennen meinen. Von Zeit zu Zeit tauchen mittelalterlich anmutende Türmchen aus, die aber im romantisierenden Überschwang des 19 Jahrhunderts schon für Touristen errichtet wurden.

In den Folgetagen schaffen wir es immerhin uns Pirna anzuschauen, eine typische ostdeutsche Kleinstadt mit liebevoll restauriertem, historischen Stadtkern und der ein oder anderen DDR-Ruine.

Mehr Fotos aus der Sächsischen Schweiz/Elbsandsteingebirge, Pirna und von der Festung Königstein

--- ad ---

,

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *