Escape from Berlin – Havelland

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Minute 1

Ich liebe meine Arbeit und ich liebe Berlin, aber auch als Stadtführer mit Hang zum Professoralen sehnt man sich gelegentlich nach ein paar Tagen Ruhe und offenen Himmel. Brandenburg ist nach wie vor zu großen Teilen terra incognita, auch wenn ich es im Sommer immerhin mal in den Spreewald geschafft habe. Ende August ging es dann in die andere berühmte Landschaft der Mark – das Havelland. Kurz zuvor hatte ich von dem neu eingerichteten bzw. erklärten Sternenpark Havelland gelesen und mir vorgenommen, meine Timelapse-Spielereien um ein paar schöne Bilder der Milchstraße zu erweitern. Daraus ist im Endeffekt nichts geworden, aber die drei Tage haben sich trotzdem gelohnt.

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Minute 2

Ich beschwere also mein ohnehin nicht gerade sportlich-leichtes Hollandrad mit einer kompletten Camping- und umfangreichen Foto-Ausrüstung. Gewogen habe ich nicht, aber anheben ging nur noch mit äußerster Anstrengung und auch dann nur für Sekunden. Ich erzähl das nicht nur, weil ich mich nach Anerkennung für diese heroische Leistung sehne –  das wird noch mal wichtig. In einem angenehm leeren Regionalexpress fahre ich zunächst nach Brandenburg (Stadt) wo ich ordentlich staune. Die Brandenburger haben zwar Fahrstühle an ihrem Bahnhof, aber glaubt bloß nicht, die wären groß genug um ein Fahrrad reinzustellen. Schräg rein? Nee. Gepäck abbauen und tragen? Nee. Hochkant geht, sieht aber albern aus, was mir dann doch egal ist. In Rathenow selbst kurve ich erst mal eine halbe Stunde wild in der Gegend rum, weil mir einfach nicht in den Kopf will, dass das eine STADT ist, die durchaus mehr als eine Hauptstrasse hat und weil ich mich zunächst standhaft weigere Karte oder App zu Rate zu ziehen.

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Minute 3

Mein Ziel ist ein Campingplatz bei Ferchesar am Hohennauener See unweit der angeblich dunkelsten Stelle in Norddeutschland. Die ausgeschilderten Fahrradrouten sind wunderbar ausgeschildert und bringen mich zuverlässig ans Ziel. Ich empfehle Euch trotzdem der Routenplanung etwas mehr Aufmerksamkeit als ich zu widmen, ein großer Teil dieser ausgewiesenen Fahrradrouten besteht aus Panzerplatten oder Feldwegen. Das macht schon ohne Gepäck nur bedingt Spaß, mit ist es eine ziemlich Quälerei – vor allem für das Material wie sich herausstellt. Am Ende der Reise weist mich mein Kollege und Mechaniker Daniel entsetzt auf einen Riss in der geschraubten Aufnahme der Sitzstreben hin. 50 Jahre Einsatz waren für den Rahmen kein Problem, nach nicht mal 4 Wochen hab ich es geschafft ernsthafte Schäden anzurichten. Langsam überlege ich mir, ob eine Anstellung als Produkttester nicht eine echte Karriere-Alternative ist. Wenn Ihr also mal Jemanden braucht, der die Dauerbelastbarkeit eines Geräts überprüfen müsst – ich bin Euer Mann.

Auf dem Weg nach Ferchesar merke ich wie mit jedem einsamen Fahrradkilometer oder jedem Blick in den Himmel mehr Anspannung von mir abfällt. Überhaupt; der Himmel. Als Stadtkind gewöhnt man sich irgendwann daran, dass der Blick spätestens nach wenigen 100 Metern am nächsten Baum, dem nächsten Haus oder einfach nur an vorbeifahrenden Bussen hängen bleibt. Im Havelland ist der Himmel endlos weit und immer wieder halte ich inne, sauge das Drama auf, dass die Wolken für mich aufführen und erlebe wie Wahrnehmung und innerer Rythmus sich auf den Takt dieser alten Landschaft einstellen.

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Minute 4

Den Zeltplatz hatte ich vorher kontaktiert und lasse mir am Abend nach ungefähr 75 km eine 100m² große Ecke ganz am Rand zuweisen. Rundum nichts als Wald und See – und etliche Dauercamper, die nächsten Nachbarn sind allerdings etliche Meter entfernt. Das Zelt ist glücklicherweise vollständig und den Aufbau meistere ich mit nur einem kleinen Maß an Flüchen und Fehlern. Mittlerweile ist es 19 Uhr, ich habe außer ein Chips und belegten Broten noch nichts gegessen. Mich hungert nach einem Stück Fleisch und einem großen Bier – oder dreien. Die paar Kilometer ins Dorf ohne Gepäck fühlen sich nach der Quälerei an wie Fliegen und ich freu mich schon auf den Rückweg durch den dunklen Wald. Zu früh, wie sich herausstellt. Das Essen ist genau so wie man es erwartet wenn man als letzter Gast in einer halbtoten Ecke Brandenburgs bestellt. Noch während ich mein zweites Bier genieße beginnt es zu tröpfeln. Moment mal, waren nicht 26° und strahlend klarer Himmel angesagt? Meine Sterne! Ich hab Urlaub, denke ich mir, scheiß was auf die Sterne setze mich auf die Stufen der Dorfkirche und bessere die Laune mit einer Sportzigarette auf.

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Minute 5

Keine wirklich gute Idee, der Regen wird immer stärker und meine Regenklamotten kuscheln sich ins Zelt. Zunächst vertreibe ich mir die Zeit mit der Kamerafunktion meines neuen Telefons – mobiles Internet ist hier noch Neuland, so dass das so ziemlich das Einzige ist, wozu das Gerät grad taugt. Mittlerweile ist es stockdüster und unter dem Vordach der Kirche wird es ernsthaft ungemütlich. Irgendwann gebe ich auf, darauf zu warten, dass der Regen nachlässt, füge mich in Schicksal und mache mich auf den Rückweg. Was jetzt kommt wisst Ihr Alle – ich verfahre mich – natürlich; in einem Dorf mit 3 Straßen. Ich hatte erwähnt, dass es dunkel ist? Auch das lasse ich alles einfach an mir abperlen und rufe mir das Hagakure (und die Anonymen Alkoholiker) ins Gedächtnis, akzeptiere was ohnehin nicht zu ändern ist und freu mich über ein kleines Abenteuer keine zwei Autostunden von Berlin entfernt. Klitschnass und leicht hysterisch treffe ich irgendwann einen freundlichen, wenn auch nicht nüchternen Eingeborenen der mir den Weg durch den Wald weist.

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Minute 6

Raus aus den nassen Klamotten rein in die Regensachen und das Zelt gecheckt. Verdammt, die erste Stelle suppt schon durch und ein Reißverschluss ist im Eimer. Also taper ich im Stockfinsteren durch den Wolkenbruch und versuche meine Behausung durch irgendwie wetterfest zu machen. Ich erinnere mich daran, dass mir ein Campingkundiger mal was über die Bedeutung von korrekt gespannten Leinen erzählt hat, zurre alles fest was festzuzurren ist und schaffe es tatsächlich mich in dem winzigen Vorfeld aus meinen Klamotten zu schälen.  Wirklich überzeugt von der Wirksamkeit meiner Bemühungen bin ich nicht, dementsprechend schrecke ich immer wieder aus dem Halbschlaf und prüfe die Gefahrenstellen.

Als Café-Junkie ist eine italienische Espressokanne natürlich auch beim Camping dabei – blöd nur, dass an meinem Kocher irgendein Teil fehlt, Milch gibts auch keine und mein Optimismus wird jetzt wirklich auf die Probe gestellt. Klitschnass und Schlafmangel geht ja irgendwie, aber ohne Kaffee auf Expedition? ich breche also meine selbst auferlegtes informelles Schweigegelübde und nehme Kontakt mit meinen zeltnachbarn auf, die freundlicherweise nicht nur meine Maschine auf Ihren Hightech-Kocher stellen, sondern mir gleich auch noch einen Schluck Milch anbieten.

Der Morgen ist gerettet und wird erst mit Kaffee und dann einem Sprung in den See begrüßt. Wie auch an vielen Stellen im Spreewald ist das Wasser rostbraun gefärbt, obwohl die nächsten Tagebauten Dutzende Kilometer entfernt sind. Stört mich aber nicht und nach wenigen Minuten Kraulen fühle ich mich erfrischt und in der Lage Pläne zu schmieden. Der Plan bleibt urlaubsgerecht simpel: Richtung Norden, dann irgendwann nach links und wieder nach Süden. Ich stopfe eine Satteltasche mit Keksen , Wasser und Brötchen und pedaliere einfach los. Erst durch lichten Wald, immer sanfte Hügel hinauf und wieder hinunter, dann bricht das Gehölz auf und der weite Himmel hat mich wieder. Ohne echtes Ziel fahre ich von Dorf zu Dorf, zum Anhalten gezwungen nur von den immer wiederkehrenden Schauern.

Es ist Erntezeit, überall wird Heu geschnitten und hinter den Traktoren lauern schon die Jäger. Manchmal kreist ein knappes Dutzend Greifvögel über den Stoppelfeldern von denen einzelne immer wieder im Sturzflug hinunter schießen und sich mit Beute in den Klauen in die Bäume zurückziehen. Ich habe seit langem einmal wieder das Gefühl wahrhaft Teil dieser Welt mit Ihrem wunderbaren Spiel der Jahreszeiten und Elemente.

Irgendwann höre ich schon aus weiter Entfernung das Kreischen hunderter Vögel aus einem dichten Schilfstreifen. wirklich nah komme ich nicht ran, also setze ich mich auf einen Deich ein kurzes Stück von diesem Vogelschutzgebiet packe meine Essen aus und setze mich an den Fuß einer alten Eiche. Von Zeit zu Zeit steigen Gänse auf und machen sich auf dem Weg nach Süden. Ich döse vor mich hin, höre der Welt beim Atmen zu und genieße sogar die Melancholie die sich breit macht, weil der Sommer sich seinem Ende naht.

Nach Stunden reiße ich mich los und trete wieder in die Pedale springe unterwegs noch einmal in einen menschenleeren See mit einer Schaukel am Ufer. Ich tauche ein und versuche das glatte Wasser so wenig zu stören wie möglich – ich schwimme durch den Himmel nur ein paar Bäume geben der Unendlichkeit Struktur. Ganz beseelt krieche ich an diesem Abend ins Zelt – obwohl es wieder keine Sterne für mich zu sehen gibt.

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Minute 7

Am dritten Tag ist zumindest die Richtung klar, immer nach Osten. Ich beschließe für die Rückreise erst einmal auf die Bahn zu verzichten. Viel passiert nicht, ich fliege durch die Landschaft, freue mich tatsächlich doch noch mal andere Radler zu sehen. Immerhin entdecke ich noch Fontanes Ribbeck samt Schloss, bloß den verdammten Birnbaum finde ich nicht. Fast unmerklich wird die Bebauung dichter und die Anzahl der Autos mit Berliner Kennzeichen steigt. Nach 120 km komme ich irgendwo in Spandau raus und werfe mein Rad für die letzte Etappe doch noch mal in den Regionalexpress.

Fazit: auch wenn das mit der Milchstrasse nicht geklappt hat eine schöne Tour. Dem Havelland merkt man seine Geschichte als Kulturlandschaft an. Jeder Wald, jedes Feld, jede Hecke ist vom Menschen gemacht, aber im Zweifel hat eben vor 150 Jahren das letzte Mal jemand Hand angelegt. Wunderschöne alte Bäume und Gutshäuser wechseln sich ab mit offener Heidelandschaft und viel Wasser, zwischendurch lenken Hügel sanft den Blick und über allem strahlt dieser unglaublich weite Himmel. Gute Nacht, Ride Safe!

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One comment on “Escape from Berlin – Havelland
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